Ein Tag in den Schwinge Werkstätten Stade

Seit 1976 besteht die Werkstatt für behinderte Menschen in Stade-Hahle – wie läuft der Alltag in dieser Einrichtung ab? Was für Arbeiten gibt es und wie empfinden die Menschen ihren Arbeitsalltag? Nicole Werk hat sich das Ganze angeschaut und mit dem Werkstattleiter Michael Leska, Mitarbeiter/-innen und Beschäftigten geredet.

Es ist ein grauer, nasskalter Wintertag als ich mich zu Fuß auf dem Weg zur Werkstatt begebe. Innerlich ist mir warm ums Herz. Denn auf die heutige Reportage freue ich mich ganz besonders. Nachdem ich vor einigen Jahren meine Ausbildung in der Verwaltung des DRK-Kreisverbandes Stade beendet hatte, wurde eine neue Mitarbeiterin für das Sekretariat in der Werkstatt gesucht. Ich bewarb mich intern und bekam den Job. Die Arbeit hat mir viel Spaß gemacht, gerne erinnere ich mich an diese Zeit zurück.

Ich betrete das Gebäude und melde meinen Besuch in der Zentrale an. Ich gehe die Treppe hoch und klopfe an die Bürotür. Michael Leska begrüßt mich, wir trinken einen Tee zusammen und unterhalten uns über alte Zeiten. Ich fühle mich sehr wohl. Dann erzählt er mir über die Veränderungen in der Einrichtung. Die anerkannte Werkstatt für Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen bietet 550 Menschen mit Handicaps, berufliche Bildung und Qualifizierung sowie persönlichkeitsfördernde Maßnahmen im Berufsbildungsbereich und unterschiedlichen Fachbereichen.

„Das Ziel ist, unsere Beschäftigten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vorzubereiten und zu vermitteln“, sagt Michael Leska.

Mir wird klar, dass ich mir an einem Tag gar nicht alles anschauen kann. Umso mehr brenne ich darauf, aus dem Büro in die Abteilungen zu kommen. Ich freue mich bekannte und neue Gesichter zu sehen und die Arbeitsabläufe kennenzulernen.

Michael Leska hat einen anderen Termin. Das ist kein Problem, denn als erstes besuche ich die Großküche und den Weg dorthin kenne ich. Er holt mich dann später ab um die anderen Abteilungen gemeinsam zu besuchen. In dem Gebäude angekommen, begegnet mir Peter Suhr, Gruppenleiter in der Großküche. Er ist seit 26 Jahren beim Deutschen Roten Kreuz tätig, davon 18 Jahre in der Küche der Werkstatt. Wir sind alte Kollegen und freuen uns, dass wir uns wiedersehen. Dann kommt Katharina Buck hinzu, die seit drei Jahren hier arbeitet. „Wir sind schnell ein eingespieltes Team geworden“, sagt Peter Suhr. „Und trotz der manchmal hektischen Tage sind wir bestimmt die Abteilung, in der am meisten gelacht wird“, fügt Peter Suhr hinzu. Nachdem die beiden mich über die Arbeitsabläufe informieren, verstehe ich warum manche Tage hektischer sind. Täglich werden cirka 1.500 Speisen zubereitet und an Schulen und Kindergärten im Landkreis Stade geliefert. Alternativen für Vegetarier werden angeboten. Mit den Kunden wird abgestimmt, was gut ankommt und was nicht. Dazu gehört eine gute Planung, eine Prise Humor und drei Esslöffel gute Laune! Zu gerne hätte ich in die Riesentöpfe geschaut, denn es duftet lecker nach Seelachsfilet. Aber es gibt Hygienevorschriften, die wir einhalten müssen. Dafür treffe ich die ganze Truppe im Speisesaal. Wir müssen uns beeilen, bald ist Essensausgabe. Auf ein Foto möchte ich bei so einem gut gelaunten Team nicht verzichten. Schnell eingereiht drücke ich auf den Knopf und verspreche allen, dass sie einen Abzug bekommen.

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Nicole Werk und Detlef Suhr beim Verpacken.

Nun ist Michael Leska wieder da. Wir gehen in die Abteilung „Verpackung“. Vom leckeren Fisch rieche ich nichts mehr. Dafür aber jede Menge andere herrliche Düfte. Hier werden Produkte zusammengesteckt, beklebt, verpackt. Dabei sind die Aufträge sehr unterschiedlich. Zurzeit werden Raumdüfte für die Firma Spur Best verarbeitet. Das Produkt wird in Einzelteilen geliefert und so verarbeitet, dass es versandfertig für den Handel ist. Ich habe mich dazugesetzt und mir den Vorgang in aller Ruhe erklären lassen. Neugierig, möchte ich selber ausprobieren wie das funktioniert. Während ich noch an einer Verpackung bastele, sehe ich im Augenwinkel wie der Beschäftigte Detlef Suhr in der gleichen Zeit drei Packungen fertig hat. Ich habe das Gefühl, dass ich mit meiner Fragerei den Arbeitsablauf ein wenig unterbreche. Die Beschäftigten haben ihren genauen Ablauf, sind fingerfertig und filigran bei der Sache. Ich bedanke mich, dass Detlef Suhr sich Zeit genommen hat um mir alles zu erklären.

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Marcel Fiz bearbeitet Distanzstücke.

Wir verlassen das Gebäude und gehen zum Metallbau. Wir treffen den Fachbereichsleiter Markus Zimmermann. Der gelernte Industriemechaniker ist seit 2011 in der Abteilung Metallbau beschäftigt. Da er bereits im Jahr 2004 seinen Zivildienst absolvierte, kennt er sich gut mit der Tätigkeit und dem Umgang mit den Beschäftigten aus. Die Aufträge sind dabei sehr unterschiedlich. Wir gehen zu Marcel Fiz. Er ist seit neun Jahren als Beschäftigter in den Schwinge-Werkstätten tätig. Im Metallbau fühlt er sich richtig wohl. Er sagt: „Hier habe ich meine feste Aufgabe und fühle mich sehr sicher. Die Leute um mich herum sind nett.“ Konzentriert zeigt Marcel Fiz mir, wie er an der eigens hergestellten Vorrichtung Distanzstücke bearbeitet. Ich bin begeistert mit wie viel Feingefühl und Genauigkeit er die einzelnen Gewinde bearbeitet. Auf der anderen Seite ist es viel lauter. Hier steht der Beschäftigte Tobias Fontara an der Blechschneidemaschine. Routiniert schiebt er ein Blech nach dem anderen durch. Ich frage ihn, woher er weiß, dass die Bleche die richtige Größe haben. Tobias Fontara lächelt und antwortet: „Ich bin jetzt 16 Jahre in der Werkstatt. Ich wollte eine handwerkliche Tätigkeit. Am liebsten schneide ich Bleche. Mittlerweile sehe ich mit den Augen ob die Größe passt. Damit die Bleche aber die richtige Größe haben, wird über eine Digitalanzeige das Maß eingestellt und hinterher mit einem Messschieber überprüft.“ Ein Stück steht Melanie Lalla an der Drehbank. Seit 2013 ist die Beschäftigte im Metallbau. Durch und durch interessiert an handwerklichen Arbeiten. Sie sagt: „Hier kann ich einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen. Auf dem freien Arbeitsmarkt ist es schwer für mich“. Auch in der Freizeit ist Melanie Lalla aktiv. Sie malt und zeichnet gerne. Am liebsten schraubt sie mit ihrem Freund an Autos rum. Sie ist mit Leib und Seele dabei. Ich bin begeistert über dieses Energiebündel.

14 Uhr – Die Zeit vergeht wie im Flug. Michael Leska und ich gehen weiter zur Wäscherei. Wir treffen den Gruppenleiter Dirk von Borstel, der uns durch die Wäscherei führt. Hauptsächlich wird die Wäsche aller Einrichtungen des Roten Kreuzes, Kreisverband Stade gewaschen, getrocknet, gemangelt und zusammengelegt. Ich lerne Nancy Arnold kennen. Seit 1998 ist sie als Beschäftigte tätig und nimmt an dem begleitenden Angebot Schwimmen teil. Sie ist eine erfolgreiche Schwimmerin und hat beim bundesweiten Wettbewerb schon mehrmals Gold geholt. Übrigens ist ihr Sternzeichen Wassermann. Mein Sternzeichen ist Fische. Auch ich bin eine richtige Wasserratte. Ich habe aber noch nie eine Goldmedaille erhalten. Nancy Arnold sagt: „Es ist nicht nur die Arbeit, die mich erfüllt. Durch die Freizeitangebote habe ich an Selbstsicherheit gewonnen. Wir sind ein gutes Team, es bringt mir unheimlich viel Spaß“.

Wir verlassen die Wäscherei und gehen zur Tischlerei. Früher wurden hier Möbelhunde gefertigt. Michael Leska erzählt mir, dass der Bedarf abgenommen hat. Wo einst die Möbelhunde gefertigt wurden, wird jetzt unter anderem für Airbus gearbeitet. Ich lerne den Fachbereichsleiter Jörg Freudenthal kennen. Er erklärt mir die einzelnen Arbeitsschritte. Pro Tag werden 2.500 Hefter gereinigt. Die Hefter werden in eine Flüssigkeit gelegt, mit einem Hochdruckreiniger bearbeitet, dann in Öl getaucht und nach Größen sortiert. Für den Auftrag gibt es einen  Zeitplan, der jeden Tag eingehalten werden muss. Jörg Freudenthal sagt: „Für Airbus bringt es Spaß zu arbeiten. Fachlich kompetente Ansprechpartner, die bei der Umsetzung des Auftrages zur Seite stehen.“

Wir gehen zur Abteilung Recycling. Diese Abteilung darf ich mir nur von außen anschauen. Zusammen mit der Firma Karl Meyer aus Wischhafen werden sensible Daten und Akten vernichtet. Die Firma Karl Meyer bringt Container mit Akten, die zu vernichten sind. Die Fahrzeuge fahren zum Abladen in die Halle und bis dahin sind die Container fest verschlossen. Pro Stunde werden circa 400 kg Papier vernichtet. Zuerst wird das Papier vorzerkleinert, dann klein geschreddert und durch den Weg in den Container verwirbelt und gepresst. Mit den Bedingungen ist eine normkonforme Datenträgervernichtung für Papierdatenträger bis zur Schutzklasse 3 und Sicherheitsstufe 4 nach DIN 66399 möglich.

16 Uhr – Die Maschinen werden leiser, es wird aufgeräumt. Michael Leska und ich gehen zurück ins Büro. Wir trinken noch einen Tee und er erzählt über die Abteilungen, die ich heute nicht mehr besuchen konnte. Da gibt es noch die Scherenabteilung, in der 500.000 Scheren im Jahr für die Firma Scheren Paul aus Harsefeld gefertigt werden. Eine weitere Abteilung ist die Service Gruppe/Fender Cover Produktion. Die Gruppe ist für die Bewirtung, Ausgabe und Reinigung der Schulmensen zuständig. Dann gibt es noch den Gartenbau. Die Beschäftigten arbeiten mit Fachpersonal in den Außenanlagen. Auftraggeber sind Airbus Stade, die Stadt Stade und Privatpersonen.

Bei so vielen Informationen und Tätigkeiten, muss ich jetzt mal tief durchatmen und dem Tag auf emotionaler Art gerecht werden. Es sind die einzelnen Geschichten die mich bewegen. Einige Beschäftigte sind seit ihrer Geburt behindert, andere hatten einen Unfall. Aber alle haben eins gemeinsam: einen Anspruch auf individuelle Unterstützung mit dem Ziel, ihren Weg im Leben und in der Arbeitswelt zu finden. Ein besonderer Tag mit besonderen Menschen geht zu Ende. Jeder Mensch hat Träume, braucht Strukturen, Anerkennung und Arbeit. Gerade auch Menschen mit einer Behinderung!

 

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